Bericht über die 36. Jahrestagung der ADLAF
"Gewalt und Konfliktregulierung in Lateinamerika"
25. - 27. November 1999 in Hamburg

Der ADLAF-Jahreskongreß 1999, der vom Institut für Iberoamerika-Kunde in Hamburg organisiert und von der Heinrich-Böll-Stiftung sowie der Hamburger Wirtschaftsbehörde unterstützt wurde, war mit über einhundert Teilnehmern aus Lateinamerika, Deutschland und anderen europäischen Ländern außergewöhnlich gut besucht. Die zentrale Thematik wurde in unterschiedliche Fragestellungen gegliedert, mit denen sich die, im Programm festgelegten, sechs Arbeitsgruppen befassten. Die Vorträge, Diskussionen und Ergebnisse innerhalb der Arbeitsgruppen stellten gleichzeitig den Mittelpunkt der Tagung dar. Zwei Plenarsitzungen, jeweils zu Beginn und Ende, rundeten die Veranstaltung ab.

Mit dem Thema Gewalt und Konfliktregulierung hatte die ADLAF unter ihrem derzeitigen Vorsitzenden Dr. Klaus Bodemer ein neues, politisch nicht unumstrittenes Gebiet betreten, das als regionalübergreifendes Problem wegweisend für die Zukunft des Subkontinents sein wird. Die multidisziplinäre Zusammensetzung der Podien und Arbeitsgruppen sorgte während der dreitägigen Tagung für eine kontroverse und äußerst konstruktive Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt und Konfliktregulierung in Lateinamerika, aus einer theoretischen und praktischen Perspektive ebenso wie auf der Mikro- und Makroebene.

Gewalt in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen ist in Lateinamerika zu einem alltäglichen Phänomen geworden. Glaubt man dem Weltbankbericht von 1998, sind im Durchschnitt 34 von 1.000 lateinamerikanischen Bürgern von Gewalt betroffen, wobei El Salvador, Guatemala und Kolumbien an der Spitze der Gewaltskala stehen. Paradoxerweise gilt die Region ausgerechnet nach der Rückkehr zu demokratisch gewählten Regierungen am Ende des 20. Jahrhunderts als einer der gewalttätigsten Subkontinente der Welt. Schlagwörter wie die "Afrikanisierung" oder "Kolumbianisierung" Lateinamerikas lassen das vormals positive Bild der Region als neuer Wachstumsmarkt und Inbegriff neugewonnener demokratischer Stabilität wieder verblassen. Das leicht rückläufige Interesse ausländischer Unternehmer am lateinamerikanischen Markt ist neben den konjunkturellen Schwankungen in der Region auch auf das erhöhte Sicherheitsrisiko durch soziale Gewalt und organisierte Kriminalität zurückzuführen.

Die Zunahme der Gewalt steht in den meisten lateinamerikanischen Ländern in einem engen Zusammenhang mit der ungleichen Einkommensverteilung und ihren hohen sozialen Folgekosten. So ist es kein Zufall, dass Lateinamerika nicht nur zu den unsichersten Regionen des Globus zählt, sondern auch die weltweit höchste Einkommenskonzentration aufweist. Das größte Einkommensgefälle besteht neben Guatemala ausgerechnet in den wirtschaftlichen Schwellenländern Brasilien und Chile. Die Entschärfung dieses sozialen Sprengstoffs in Lateinamerika wäre nach Ansicht der Teilnehmer nur durch eine Einlösung der wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechte möglich; wie dies zu schaffen ist, blieb jedoch offen.

Frauen sind von der Gewalt in besonderem Maße betroffen. So wurde das Datum der Tagung nicht zufällig gewählt: Der 25. November ist der internationale Tag der Gewalt gegen Frauen. Obwohl offizielle Zahlen belegen, dass 90% der Gewaltopfer Männer sind, liegt die Dunkelziffer bei den weiblichen Opfern, die vor allem von privater Gewalt betroffen sind, sehr hoch. Mehrere Referentinnen wiesen in diesem Zusammenhang auf die Notwendigkeit hin, "Privates zum Öffentlichen zu machen" und auf diese Weise die bisherigen Verdrängungsmechanismen auszuschalten. Das zur Sprache bringen von Gewalt, im Rahmen der Familie, der Frauengruppe oder der Kirche gilt gleichzeitig als eine der wichtigsten Errungenschaften der lateinamerikanischen Frauenbewegung.

Im Mittelpunkt des Einführungsvortrags stand der Wandel der Konflikt- und Gewaltmuster in Lateinamerika vom 19. zum 20. Jahrhundert. Während die Gewaltexzesse des 19. Jahrhunderts in erster Linie vom Staat ausgingen, wurden die Konfliktstrukturen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch Gewalt von "unten" seitens der Guerilla und parastaatliche Gewalt "von oben" bestimmt. Gleichzeitig kam während der späten Militärdiktaturen der 70er und 80er Jahre im Rahmen der Doktrin der nationalen Sicherheit eine neue Form der staatlichen Gewalt hinzu: Die Entstehung von paramilitärischen Gruppen und der Sicherheitspolizei.

Die Bilanz des "Jahrhunderts der Gewalt" ist ernüchternd. Zwar haben sich die äußeren Formen der Gewalt verändert, die strukturellen Ursachen - Zerfall der staatlichen Institutionen, traditionelle Eliten, geringe Partizipation, Unterentwicklung - sind jedoch weitgehend gleich geblieben. Obwohl das heutige Lateinamerika von einer diffusen sozialen Gewalt und einer fortschreitenden Entmachtung des Staates geprägt ist, bietet der leichte Rückgang der Gewalt am Ende des 20. Jahrhunderts, ebenso wie die Beilegung aller zwischenstaatlichen Konflikte in Lateinamerika, auch einen ersten Hoffnungsschimmer für die Zukunft der Region.

Auf die theoretischen Prämisse sowie die unterschiedlichen Strukturen und Dimensionen der Gewalt wurde während der gesamten Tagung immer wieder verwiesen. Unter Berücksichtigung der einschlägigen Literatur wurden zunächst drei generelle Formen der Gewalt unterschieden: die personelle, institutionelle und strukturelle Gewalt (P. Waldmann). Im Anschluss daran wurde der Gewaltbegriff aus einer soziologischen, literaturwissenschaftlichen und feministischen Perspektive in Frage gestellt und erweitert.

Mit der provokanten These, Gewalt sei allgegenwärtig und konstitutiv für das menschliche Bewusstsein, wurde Kritik an den bisherigen Theorien laut, da diese entweder legitimatorische Funktion erfüllen oder aber moralische Verurteilung implizieren. Im Rahmen der Überlegungen zu einer kritischen Theorie der Gewalt wurde versucht, Gewalt als gesellschaftliche Bewegungsform zu begreifen, als Ausdruck also, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Dies wurde insbesondere in den Zusammenhang mit der Entwicklung der modernen Gesellschaft gestellt, deren Durchsetzung letztendlich auf Gewalt beruht (Musterbeispiel französische Revolution), denn Individuen sind auch kulturfeindliche Wesen, die sich gegen die Zwänge wehren, die ihnen Kultur auferlegt.Vor allem in den Industriegesellschaften wird Gewalt angesichts der Beendigung von zwischenstaatlichen Konflikten und innergesellschaftlichen bewaffneten Auseinandersetzungen erfolgreich verdrängt, obwohl der allgemeine Rechtsfrieden auch hier eine Utopie geblieben ist. In diesem Zusammenhang wurde auf Theodor Adorno verwiesen, der von einer "zeitlosen Mode" der Gewalt sprach. Auf die Gesellschaft übertragen, wirkt Gewalt nach Meinung einiger Theoretiker gleichzeitig "kulturkonstituierend und kulturzerstörend". Gewalt kann deshalb nur partiell (hinsichtlich ihrer spezifischen Formen nämlich) aus dem kulturellen Hintergrund der Akteure erklärt werden. Die Sublimierung von Gewalt in den modernen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts bedeutet entweder ihre idealtypische oder ihre spielerische Verdrängung (beispielsweise in Form von Krimis oder Sport). Statt zu einem gesellschaftlichen Subjekt wird die Gewalt damit zu einem Objekt "verdinglicht".

Kritik an den bisherigen Theorien wurde auch aus der feministischen Perspektive geäußert. So wurde das feministisch-kritische Modell dem sogenannten hegemonial-westlichen Diskurs der Gewalt gegenübergestellt. Während die meisten Theorien der Gewalt das Kriminalitätsproblem in den Vordergrund stellen, beschäftigt sich das feministisch-kritische Modell mit der geschlechterspezifischen Diskriminierung als strukturelles Phänomen der Gewalt. Die feministische Kritik an der klassischen Konzeption der Gewalt erkannte in der Gewalt gegen Frauen aber keine Sonderform, sondern lediglich den Versuch, diese Gewalt ins private zu verdrängen. Gewalt gegen Frauen weist eine hohe Dunkelziffer auf und wird durch Schweigen, Tabuisierung und Straflosigkeit charakterisiert.

Abschließend wurde in diesem theoretisch-einleitenden Teil die Allgegenwärtigkeit von Gewalt in Lateinamerika anhand ihrer Präsenz in der Literatur deutlich gemacht. Kunst und Kultur sind eng mit dem Phänomen der Gewalt verbunden, ja, es gibt eine Korrespondenz zwischen Gewalt und Kultur. Gewalt, so wurde formuliert, sei das Ergebnis des Kulturprozesses. Im Rahmen der literaturwissenschaftlichen Analyse verwies man dabei auf den vom chilenischen Schriftsteller Ariel Dorfman geprägten Begriff der "horizontalen Gewalt" zur Befriedigung der Grundbedürfnisse und der "vertikalen Gewalt" zur Durchsetzung von Machtinteresssen. In der lateinamerikanischen Literatur wurden zwei Zugänge zum Thema Gewalt ausgemacht: Der historische Einstieg, angefangen bei den spanischen Chroniken, über die Befreiungskriege des 19. Jahrhunderts, bis hin zu den Bürgerkriegen und Diktaturen des 20. Jahrhunderts; und der Zugang über die Revolutionen und Guerrilla-Kriege. Als Spiegelbild der Wirklichkeit kommt Gewalt in der lateinamerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts vor allem in zwei unterschiedlichen Formen zum Ausdruck: im Diktatorialroman, der durch die bekannten Werke "El otoño del patriarca" von Gabriel García Márquez und "Yo el supremo" von Augusto Roa Bastos geprägt wurde, und in der Guerillaliteratur, die am Beispiel des "Libro de Manuel" von Julio Cortázar und "Danza Inmóvil" von Manuel Scorza analysiert wurde.

Im Zusammenhang mit den Ursachen, Hintergründen und Motiven von Gewalt wurden so verschiedenartige Themenkomplexe wie die Beziehung zwischen Agrarstruktur und Gewalt im bäuerlich-ländlichen Kontext, durch Gewalt ausgelöste Migrationswellen in Kolumbien, urbane Gewalt in Armenvierteln von Santiago de Chile innerhalb der Familien und zwischen Generationen, sowie der "Chiapas-Konflikt" behandelt, letzteres zum einen auf der Ebene inter- und intrakommunaler Auseinandersetzungen, zum anderen im Zusammenhang mit den diskursiven Strategien der Protagonisten des Konfliktes.

Auffällig war, dass alle vorgestellten Untersuchungen auf die ein oder andere Weise Gewalt mit sozialen Bewegungen oder Ausdrucksformen in Bezug setzten. So wurden in allen Fällen Kontexte, die zur Entstehung sozialer Bewegungen führten und die Dynamik der daraus resultierenden Konflikte im ländlichen und urbanen Umfeld, analysiert. Neben dieser Kontextualisierung von Gewalt gab es aber auch andere Gemeinsamkeiten in den Beiträgen dieser Arbeitsgruppe: etwa die Betonung der Verknüpfung von Mikro- und Makroebene, also der Verflechtung zwischen lokaler, nationaler und internationaler Ebene oder das Bemühen, Gewalt als Prozess wahrzunehmen und dabei seine Komplexität, Multidimensionalität und Dynamik zu berücksichtigen.

Interessant auch, dass im Zusammenhang mit der Gewaltdiskussion eine in den letzten Jahren scheinbar in Vergessenheit geratene Gruppe sozialer Akteure wieder ins Blickfeld der Sozialwissenschaftler zu rücken scheint: die Bauern und mit ihnen die ländliche und indigene Problematik. Bei der Reflexion über diesen Themenkomplex wurde, im Zusammenhang mit den Ursachen von Gewalt, der Strukturwandel als Ausgangspunkt ländlicher Bewegungen mit der Dynamik des internationalen Marktes in Verbindung gebracht.

Die Geschlechterperspektive, wenn auch nur ansatzweise, war ebenfalls Bestandteil der Diskussion. Dabei wurde zwischen den positiven und emanzipatorischen Auswirkungen einerseits, die der Partizipation der Frauen in den sozialen Bewegungen Lateinamerikas zugeschrieben werden kann, und den Negativeffekten der Gewalt andererseits unterschieden, wobei hier öffentlicher und privater Raum miteinander verflochten zu sein scheinen. Erwähnenswert ist auch, dass die Generationsproblematik, speziell im Fall Chile, Eingang in die sozialwissenschaftliche Diskussion zu dem Thema zu finden scheint. Beide Ansätze, Geschlechterperspektive und Generationsproblematik, bedeuten eine Bereicherung und Differenzierung der Gewalt-Debatte. Dies gilt ganz besonders für den im Zusammenhang mit der "Chiapas"-Problematik präsentierten Forschungsansatz der Diskurs- und Symbolanalyse. Die Bewertung der diskursiven Strategien und der Inszenierung einer sozialen Bewegung und die vielfältigen Resonanzen darauf, die Interaktion zwischen den sozialen Akteuren und der nationalen und internationalen Gemeinschaft waren dabei Gegenstand der Untersuchung. Dieser Blickwinkel eröffnet zweifellos neue Perspektiven, die eine spezifische Form der Annäherung an Ausdrucksformen sozialer Bewegungen, Konflikte und Gewalt erlaubt. Dies wiederum bedeutet eine wesentliche Erweiterung für das Verständnis des sozialen Konstruktionsprozesses, des Selbstverständnisses und der Strategien eines nicht-bewaffneten Kampfes der Zapatistas sowie der Interaktion in einem gänzlich neuen Bereich: dem Internet.

Dennoch konnten in der Arbeitsgruppe zu den Ursachen von Gewalt auch Defizite ausgemacht werden, insbesondere im methodologisch-theoretischen Bereich. Obwohl in den Beiträgen verschiedenste sozialwissenschaftliche Ansätze verfolgt wurden (Geschichte, Ökonomie, Geographie, Sozialpsychologie), wurde in keiner der vorgestellten Untersuchungen auf methodologische Aspekte eingegangen. Vielmehr schien die Tendenz vorzuherrschen, diese zu unterschätzen und in der Diskussion auszublenden. Auch der theoretische Aspekt zum Thema Ursachen von Gewalt kam in den Vorträgen eindeutig zu kurz und blieb eher vage und undefiniert. In allen sechs Arbeitsgruppen wurden zahlreiche Länderbeispiele genannt, die sich zwei unterschiedlichen Formen der Gewalt zuordnen lassen. Zum einen die "traditionelle" Gewalt, die im Kontext des Kalten Krieges entweder vom Staat, von paramilitärischen Gruppen oder von der Guerilla ausging. Deutliche Beispiele hierfür sind Argentinien, Chile, El Salvador, Guatemala und Nicaragua, die von Militärdiktaturen und/oder Bürgerkriegen betroffen waren. Zum anderen sind neue Formen der Gewalt entstanden, die vor allem in Kolumbien und Mexiko sichtbar werden. Als einzige Länder der Region mit einer aktiven Guerrillabewegung war die Situation in Kolumbien und Mexiko gleichzeitig ein zentrales Thema der Tagung.

Mehrere Teilnehmer kontrastierten die traditionelle Guerilla kommunistischer Provenienz in Kolumbien mit den Widerstandsformen der Zapatistas in Mexiko. Mit dem Ejército Zapatista de Liberación Nacional (EZLN) ist in Mexiko eine neue revolutionäre Bewegung oder aber die letzte post-castristische Guerilla entstanden. Die seit 1994 aktive EZLN agiert vor allem auf dem Land, verteidigt ihre Zielsetzungen weitgehend gewaltlos (guerilla sin guerra) und fordert in erster Linie die sozialen Rechte der indigenen Bevölkerung ein. Im Gegensatz zu den post-castristischen Guerillabewegungen der 70er und 80er Jahre verstehen sich die "Neo-Zapatistas" deshalb nicht als ideologische sondern vorwiegend als soziale Bewegung. In diesem Sinne bezeichnete ein kolumbianischer Referent den Kommandanten Marcos als "anti-Che Guevara", der sich auf einen breiten Rückhalt in der mexikanischen Bevölkerung berufen kann, da er nicht die Revolution propagiert, sondern sich für die verfassungsrechtlich gesicherten Grundrechte der indigenen Gruppen einsetzt.

Während die mexikanischen Zapatistas überwiegend positive Konnotationen hervorrufen, ist das Bild der kolumbianischen Guerilla, die nach Ansicht der meisten Beobachter kein glaubwürdiges zukunftsfähiges Projekt bietet, negativ besetzt. Laut Umfragen unterstützen lediglich 3% der Kolumbianer die Ziele der FARC oder der ELN, die damit über noch weniger Rückhalt verfügen als die ebenfalls diskreditierten kolumbianischen Politiker. Im Gegensatz zur EZLN in Mexiko bildet die traditionell linksradikalen Zielen verpflichtete kolumbianische Guerilla als offiziell anerkannte Territorialmacht einen "Staat im Staat", der zudem eng mit den Drogenkartellen verbunden ist und sich als Wirtschaftsmacht oder Guerilla-Unternehmen profiliert hat.

Die Guerilla besetzt südlich von Bogotá ein Gebiet in der Größenordnung der Schweiz, das von der kolumbianischen Regierung im Rahmen der Friedensverhandlungen inzwischen offiziell anerkannt wurde. Dieses neue Phänomen hat zu einem steten Legitimitätsverlust und einer de-facto Entmachtung des Staates geführt, der in bestimmten Regionen des Landes durch die Guerilla oder paramilitärische Gruppen ersetzt wird. Der allmähliche Rückzug des Staates aus den ländlichen Regionen zugunsten der Guerilla spiegelt nach Aussagen von kolumbianischen Beobachtern ein antagonistisches Weltbild wider: Der ländlichen Kosmovision der Guerilla steht eine vorwiegend urbane Regierung gegenüber, die im Gegensatz zur mexikanischen PRI auf dem Land traditionell kaum vertreten ist.

Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien hat zu einer Polarisierung des Landes geführt: Auf der einen Seite Streitkräfte, Unternehmer und private Sicherheitspolizei; auf der anderen die Guerilla und ihre Sympathisanten, die sogenannten "paraguerilleros". Der anhaltende Bürgerkrieg läßt sich in erster Linie auf das fatale militärische Gleichgewicht zwischen Streitkräften und Guerilla zurückführen, das einer friedlichen Lösung entgegensteht, da beide Konfliktparteien noch immer glauben, einen militärischen Sieg erringen zu können. Die Professionalisierung des Krieges und die fortschreitende Militarisierung sind ein Beweis dafür, dass diese ausweglose Situation wahrscheinlich nicht allein von den nationalen Akteuren gelöst werden kann.

In der Arbeitsgruppe über die Akteure der Gewalt wurden zwischen staatlicher und nichtstaatlicher, organisierter und nichtorganisierter Gewalt unterschieden. Staatliche Gewalt geht vor allem von drei Akteuren aus: Streitkräfte, paramilitärische Gruppen, Polizei- und Sicherheitspolizei. In bezug auf die Streitkräfte belegen neuere Zahlen, dass eine Demilitarisierung im Cono Sur nicht gelungen ist: Trotz des Wegfalls äußerer Feinde am Ende des Kalten Krieges haben sich die Verteidigungsausgaben in Südamerika zwischen 1985 und 1997 verdoppelt. Nach einer ausführlichen Darstellung des Profils und des Selbstverständnisses der Militärs in Chile im Vergleich zu Argentinien gelangte man zu dem Schluss, dass auch eine Reform der Streitkräfte nur in Ansätzen verwirklicht wurde und die eigentliche Aufgabenstellung der Militärs nicht klar definiert ist. So nehmen die Militärs im Cono Sur angesichts der geringen externen Bedrohung und wachsender innergesellschaftlicher Konflikte verstärkt interne Aufgaben, wie die Wahrung der Ordnung oder aber eine aktive Rolle in der Wirtschaftspolitik, wahr. Paradoxerweise waren es die demokratischen Regierungen, die den Streitkräften diese Aufgaben zuwiesen und sie erneut zu einer politischen de-facto Macht erheben.

Am Beispiel von Buenos Aires und Rio de Janeiro wurde nachgewiesen, dass die Polizei im Rahmen der Kriminalitätsbekämpfung inzwischen selbst ein Akteur der Gewalt ist. Vor allem in Ländern wie Brasilien, El Salvador und Guatemala hat der Kampf gegen die "Subversion" in den 70er und 80er Jahren zu einer Militarisierung der Polizei geführt, die sich heute in erster Linie gegen die nichtorganisierte Gewalt richtet. Ein deutlicher Beweis hierfür ist die erschreckende Tatsache, dass es in Brasilien heute mehr Opfer polizeilicher Gewalttaten gibt als unter dem Militärregime. Das gewaltsame Vorgehen der Polizei gegen Kriminelle und Drogenhändler wird von der Bevölkerung als scheinbar wirksame Abschreckungsstrategie weitgehend gebilligt und trägt so zur Fortsetzung der Spirale zwischen Gewalt und Kriminalität bei.

In diesem Zusammenhang wurde die provokative These aufgestellt, die Intervention von Polizei und Streitkräften in innergesellschaftliche Konflikte legitimiere den sozialen Ausschluss breiter Bevölkerungsgruppen. Indem sie soziale Protestbewegungen und Kriminalität unterdrücke, trage die staatliche Gewalt zur Aufrechterhaltung des neoliberalen Wirtschaftsmodells bei. Dies wurde am Beispiel Argentinien verdeutlicht, wo die neoliberale Politik der Regierung Menem in den 90er Jahren eine Spirale wachsender sozialer Ungleichheit und polizeilicher Gewalt ausgelöst hat. Die Ernennung des ehemaligen Putschisten Aldo Rico zum Sicherheitsminister für Buenos Aires ist bezeichnend für diese Politik.

Man kam zu dem Schluss, dass die Strategie, Kriminalität mit staatlicher Repression zu bekämpfen, nicht effizient sei. Dies gilt auch für Kuba. Nach einer erfolgreichen Bekämpfung der Kriminalität ist seit 1985, im Zuge der ökonomischen Krisenerscheinungen, ein allmählicher Anstieg der Kriminalität zu verzeichnen, der trotz drastischer Strafen und massivem Polizeiaufgebot bestehen bleibt. In den 90er Jahren hat sich die Struktur der Kriminalität verändert: Heute sind die Delinquenten überwiegend Jugendliche, die meist aus materiellen Gründen kriminelle Handlungen begehen, während noch in den 80er Jahren persönliche Differenzen als Hauptmotiv angegeben wurden.

Nichtstaatliche Gewalt geht vorwiegend von der Guerilla, den organisierten oder nichtorganisierten Kriminellen, der Drogenmafia und den privaten Sicherheitskräften aus. Obwohl dies nicht für alle Länder gilt, belegen jüngste statistische Angaben, dass die Hemmschwelle für Gewalttaten im demokratisch regierten Lateinamerika geringer ist als noch vor einigen Jahren. Einzelne Fallstudien machen dabei deutlich, dass ein enger, wissenschaftlich nachweisbarer Zusammenhang zwischen Kriminalität und Armut besteht. Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele: So hat Bolivien trotz weitverbreiteter Armut und Drogenproduktion im lateinamerikanischen Vergleich eine geringe Kriminalitätsrate. In der venezolanischen Hauptstadt hingegen ist die Zahl der Gewaltverbrechen vergleichsweise hoch, während Lima in Bezug auf das Eigentum zwar als unsicherste lateinamerikanische Stadt gilt, aber lediglich eine geringe Mordrate aufweist.

Im Rahmen der Debatte über nichtorganisierte und organisierte Akteure der Gewalt wurde konstatiert, dass die Drogenkartelle entgegen bisheriger Erkenntnisse nicht zu den organisierten Formen der Gewalt gehören. Nach dem Tod des bekanntesten Drogenbarons Pablo Escobar verfügen die Drogenkartelle über keine organisierte Struktur mehr, vielmehr handelt es sich meist um kleine Gruppierungen mit geringen Kontakten untereinander. Angesichts ihrer diffusen internen Strukturen sollte man deshalb nicht mehr von Kartellen, sondern allenfalls von "Klein- und Mittelunternehmen" sprechen.

Als Beispiel für neue Akteure der Gewalt wurde abschließend die Privatisierung der Sicherheit angeführt. Vor allem in Kolumbien ist eine neue paramilitärische Gruppe entstanden, die von Privatunternehmen finanziert wird und Polizeifunktionen ohne demokratische Kontrolle übernimmt. In Kolumbien sind die sogenannten "parapolicias" inzwischen weitaus bedeutender als die staatlichen Institutionen: Den 120.000 Streitkräften stehen 500.000 private Sicherheitskräfte gegenüber. Die in diesem Zusammenhang entstandene politisch-militärische Allianz hat sich vor allem in ländlichen Regionen zu einer autonomen Machtstruktur entwickelt, die das staatliche Gewaltmonopol ersetzt.

Auch in den ehemaligen Bürgerkriegsländern El Salvador und Guatemala hat sich die Gewalt mit anderen Mitteln, als generelles Sicherheitsproblem, fortgesetzt. Paradoxerweise gehören beide Länder nach der Beendigung der innerstaatlichen Konflikte und der Rückkehr zu demokratischen Wahlen zu den Staaten der Region mit dem größten Sicherheitsproblem. Ist die Befriedung somit kein Weg aus der Gewaltspirale? Der Anstieg der Kriminalität in Zentralamerika zeigt, dass Friedensprozesse zwar die organisierte Gewalt beenden, jedoch wenig gegen strukturelle Gewaltursachen ausrichten können. Dies erfordert einen langfristigen, gesamtgesellschaftlichen Lernprozess für soziale Gerechtigkeit und demokratische Strukturen.

Im Zusammenhang mit den Auswirkungen der Gewalt wurden neben den physischen Konsequenzen neue Erkenntnisse über die Folgen von Bürgerkriegen oder Militärdiktaturen in der "kollektiven Psyche" der betroffenen Gesellschaften vorgestellt. Auch Jahrzehnte nach den Bürgerkriegen oder Militärdiktaturen ist das "Trauma des Krieges" bzw. des Staatsterrors in Ländern wie Argentinien, Chile, El Salvador oder Uruguay noch immer lebendig. Deshalb stand eindeutig der Aspekt der Rekonstruktion der Gesellschaft nach Beendigung von Bürgerkrieg bzw. Gewaltherrschaft im Vordergrund der Beiträge und Diskussionen. Dabei wiederum konzentrierte man sich auf die Erinnerung an die Gewalt, wobei die Geschichte der Opfer als traumatisch nicht nur für diese selbst sondern für die betroffenen Gesellschaften gewertet wurde. Diese Traumas bedürften einer sozialen Behandlung. Die postautoritären Gesellschaften Lateinamerikas seien in Opfer und Täter fragmentierte Gesellschaften, in denen die Konstruktion eines kollektiven Gedächtnisses eine besondere Herausforderung und Notwendigkeit darstellt.

Mit den Symptomen des Terrors wurde, aus psychologischer Perspektive, die Geschichte der Opfer thematisiert. Hier wurde der Begriff des Traumas, als individuelles und kollektives Leiden, aufgegriffen. Trauma bedeute den psychischen Bruch der Persönlichkeit, von dem man zwar wisse, wann es beginne, nicht aber, wann es ende. Insofern könne man von einer "Traumatisierung in Sequenzen" sprechen, d.h. einem Traumatisierungsprozess, der bestimmte zeitliche Phasen beinhalte (z.B. Entführung - Konzentrationslager - Nachkriegszeit). Insbesondere in der Nachkriegs-Phase fände das Leiden der Opfer kein Ende. Von Politik und Gesellschaft würden sie zudem meist als rein klinische Fälle behandelt und damit als Kranke marginalisiert. Somit konvertiere das individuelle auch zu einem kollektiven, gesellschaftlichen Trauma, und die rein klinische Behandlung des Problems verdecke lediglich den gesamtgesellschaftlichen Schaden. Man müsse daher, so die Schlussfolgerung, den Terminus des "sozialen Traumas" in die soziale Analyse integrieren und die Kriegs- und Nachkriegsleiden nicht nur als individuelle sondern vielmehr kollektive gesellschaftliche Schäden behandeln.

Die sogenannten "Wahrheitskommissionen" in den Ländern Argentinien, Chile, El Salvador und Guatemala leisteten einen wichtigen Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung von Bürgerkriegen und Militärdiktaturen. Dabei waren Zusammensetzung, Handlungsfähigkeit und Ergebnisse der Kommissionen in den vier Ländern sehr verschieden, sodass ihre Berichte in den wenigsten Fällen als Basis für die Einleitung von Gerichtsverfahren ausreichten. So wurde denn auch Argentinien als einziges Land ausgemacht, in dem militärische Führungskräfte wegen Menschenrechtsverletzungen exemplarisch bestraft worden sind, während in Chile die Verantwortlichen lediglich einen Teil ihres Prestiges einbüssten und in den beiden zentralamerikanischen Fällen, Guatemala und El Salvador, die Schuldeingeständnisse und Verhaftungen der Verantwortlichen eher verhindert als vorangetrieben wurden. Man erwartet hier offenbar vielmehr, dass die Opfer den Tätern vergeben. Insgesamt wurde festgestellt, dass die Kommissionen reinen Empfehlungscharakter besäßen und deshalb nur teilweise so etwas wie Vergangenheitsbewältigung erreicht hätten.

Zwei Beiträge setzten sich mit der vom Bürgerkrieg vertriebenen Bauernbevölkerung und ihrer Rückkehr in die ehemaligen Bürgerkriegsgebiete auseinander, und zwar in Peru und Guatemala. Insbesondere im peruanischen Fall ist dabei die Gewalt, die zu massiven Migrations- und Fluchtbewegungen aus der Region Ayacucho (dem Zentrum des Bürgerkrieges zwischen 1980 und 1992) führte, nicht nur von staatlicher Seite, sondern insbesondere von den Aufständischen ausgegangen. Die Auseinandersetzung, die den Staat bis Ende der achtziger Jahre an den Rand des Zusammenbruchs führte, hat insgesamt 25000 - 29000 Todesopfer gefordert. Etwa ein Drittel der Bevölkerung aus der zentralen Bürgerkriegsregion, zumeist Bauern, floh in die Städte. Ausgehend von dem komplexen und vielschichtigen Verlauf des Bürgerkrieges sowie den daraus resultierenden Migrations- und Fluchtbewegungen, gestaltet sich auch die Rückkehr bzw. Rückführung der Füchtlinge in die ehemalige Konfliktregion nicht ohne Schwierigkeiten und Konflikte, ist ebenso vielschichtig und reicht von der kollektiven Rückkehr und Reorganisation ganzer Dorfgemeinschaften bis hin zu individueller, temporärer und nur nach den Agrarkalender hin ausgerichteter Rückkehr. Bislang sind etwa 50-60% der Flüchtlinge mittels internationaler und staatlicher Hilfsprogramme sowie der Unterstützung von NRO´s wieder zurückgekehrt. Der Prozeß dauert noch an.

Eine sehr ähnliche Fallstudie - basierend auf einer Feldforschung - wurde für Guatemala präsentiert. Auch hier ging es darum, wie sich die bäuerlich-dorfgemeinschaftliche Gesellschaft nach der Rückkehr der Bürgerkriegs- Flüchtlinge rekonstituiert. Interessant hierbei, dass in diesem Prozess völlig neue Praktiken und Formen der Rekonstruktion des dorfgemeinschaftlichen sowie seines gesetzlichen Rahmens beobachtet werden konnten und dass Gesetz, Gerechtigkeit und Dorfgemeinschaft von den Remigranten neu verstanden und definiert wurden. Neben diesen lokalen Praktiken wurde eine Neubestimmung der kulturellen Identität und Reorganisation der regionalen Integration der Akteure festgestellt.

Das Ende der Diskussion innerhalb der Arbeitsgruppe zu den Auswirkungen von Gewalt wurde von Zweifeln darüber geprägt, ob es einerseits möglich sei, von der Wiederherstellung eines sozialen Gedächtnisses zu sprechen und ob andererseits eine völlige Rekonstruktion der von massiver Gewalt erschütterten Gesellschaften durchführbar sei.

Am letzten Tag der Veranstaltung wurden unterschiedliche Lösungsansätze zur Kontrolle der Gewalt und Konfliktregulierung auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene diskutiert. Am Beispiel eines Projekts zur Entwaffnung von vier rivalisierenden Jugendbanden in der kolumbianischen Stadt Cali wurden zunächst die weniger bekannten Konfliktregulierungsmechanismen auf lokaler Ebene vorgestellt. Hier versuchte man vier äußerst gewalttätige und untereinander verfeindete Jugendbanden zu Verhandlungen und schließlich zur ihrer Entwaffnung zu bewegen. Mit involviert in den Konflikt waren Polizei und Drogenmafia, die die Jugendlichen als Killer und Drogenverteiler benutzten. Die von der Consejería de Paz in Cali eingeleitete Initiative hatte zunächst auch Erfolg, als 1992, in einem öffentlichen Akt, ein Friedenspakt zwischen den verfeindeten Banden geschlossen wurde. Interessant, dass als Idee hinter der Verhandlungs-Initiative nicht etwa die Auflösung der Banden, sondern deren Umwandlung in positive soziale Akteure stand. Da sie als Gruppen mit einem hohen Identifikationsgrad für sozial entwurzelte Jugendlichen erkannt wurden, sollte sie sich - so die Idee - auch als Gruppe von destruktiven zu sozial konstruktiven Akteuren für die Gesellschaft wandeln. Nach fünf Jahren allerdings, so musste als traurige Schlussbilanz festgehalten werden, waren 43 der entwaffneten Bandenmitglieder ermordet worden. Abschließend steht die Erkenntnis, dass ein langfristiger Erfolg nur unter folgenden Bedingungen möglich ist: eine lange Vorbereitungsphase, um Vertrauen aufzubauen, eine effizientere Sicherheitsgarantie für die Betroffenen und soziologische Untersuchungen über die Folgen der Gewalt.

Als Beispiel für Lösungsansätze zur Bekämpfung der geschlechterspezifischen Gewalt wurde das in Brasilien eingeführte Modell der "Comisarias de la Mujer" vorgestellt und bewertet. Die Idee, weibliche Kommissarinnen für Delikte gegen Frauen einzusetzen, entstand im Rahmen des 1995 verabschiedeten Gesetzes gegen familiäre Gewalt. Inzwischen betreuen 250 Comisarias de la Mujer die weiblichen Opfer von Gewalttaten in Brasilien. Im Mittelpunkt stehen dabei Fälle von häuslicher Gewalt, die in vielen lateinamerikanischen Ländern noch immer nicht angezeigt werden. Obwohl auch Kritik verlautet wurde, könnte dieses Modell durchaus auch auf andere Länder der Region übertragen werden. So hat Argentinien die Initiative bereits aufgegriffen und "Comisarías de la Familia" eingerichtet.

Im Mittelpunkt der Abschlussdebatte der Tagung standen die schwierigen nationalen Friedensprozesse in Kolumbien und Mexiko. Die bestehenden innnerstaatlichen Konflikte in beiden Ländern lösten vor allem zwischen den lateinamerikanischen Teilnehmern eine kontroverse Debatte über mögliche Lösungsansätze und die Rolle der unterschiedlichen Akteure aus. Obwohl es keinen Konsens über die Verhandlungsführung gab, bestand Einigkeit darüber, dass eine langfristige Überwindung der innerstaatlichen Konflikte in beiden Ländern auf dem Zusammenwirken von nationalen und internationalen Akteuren basieren muss. Eine internationale Intervention, wie in Haiti geschehen, sollte jedoch nur in Ausnahmenfällen erfolgen. Ob Kolumbien zu diesen Ausnahmen gehört und eine humanitäre Intervention zur Lösung des Konflikts beitragen würde, blieb ebenso offen wie die Beteiligung externer Akteure an den stagnierenden Friedensverhandlungen in Mexiko.

Die Erfahrungen der Friedensprozesse in El Salvador und Guatemala haben gezeigt, dass die Beendigung der Bürgerkriege die Erkenntnis der nationalen Akteure voraussetzt, keine der Kriegsparteien könne einen militärischen Sieg erringen und Kompromisse müßten beide Seiten schließen. Dabei ist die Entwaffnung der Guerilla nur über den "Preis" einer Politisierung der ehemaligen Kriegspartei möglich, der von beiden Seiten akzeptiert werden muss. Eine weitere Voraussetzung für den erfolgreichen Abschluss der Friedensverhandlungen in Zentralamerika war die Vermittlung externer Akteure (katholische Kirche, EU, USA und Vereinte Nationen). Zehn Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens hat die Entwicklung in El Salvador gezeigt, dass sich der gesamtgesellschaftliche Reformprozess nach einer kurzen Phase der Transnationalisierung wieder nationalisiert hat. Dabei ist auch deutlich geworden, dass externe Akteure lediglich eine unterstützende Funktion übernehmen können, während eine Implementierung des Friedens von außen ohne interne Legitimation nicht funktionieren kann.

Diese Bedingungen sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder in Kolumbien noch in Mexiko gegeben. In Kolumbien scheint ein militärischer Sieg aus Sicht der Konfliktparteien nach wie vor realistisch, und eine "Politisierung" von Guerilla und Paramilitärs ist bisher nur in Ansätzen zu erkennen. So konstatierten die meisten Teilnehmer der Tagung, dass erfolgreiche Friedensverhandlungen in Kolumbien nur möglich sind, wenn sich die Guerilla stärker als bisher als politische Kraft und nicht als Wirtschaftskartell etabliert. Gleichzeitig lassen sich die Friedensmodelle El Salvador und Guatemala nicht auf Kolumbien übertragen, da angesichts der territorialen Zersplitterung des Landes Verhandlungen auf regionaler Ebene geführt werden müssten.

In Mexiko hingegen scheint die Regierung Zedillo nicht bereit, die Forderungen der Zapatistas zu erfüllen, da die Einlösung der sozialen Rechte der indigenas in Chiapas eine Aufösung der semi-feudalistischen Machtstrukturen in den übrigen ländlichen Regionen des Landes mit hohem indigenen Bevölkerungsanteil (ca. 10% insgesamt) und damit möglicherweise empfindliche Machteinbußen der Regierungspartei PRI zur Folge haben könnte. Hier liegt nach Ansicht von mexikanischen Beobachtern ein grundlegender Interessenkonflikt: Während die EZLN den Konflikt auf sozialer Ebene lösen will, ist die mexikanische Regierung lediglich zu politischen Kompromissen bereit, denn die Revolution der Zapatistas wird von der regierenden PRI als Bedrohung der bestehenden Strukturen auf dem Land verstanden. Außer der Kirche gibt es darüber hinaus in Mexiko keinen nationalen Vermittler, der das Vertrauen beider Konfliktparteien besitzt. Eine Einflußnahme internationaler Akteure lehnt die Regierung bisher ab. Im Gegensatz zur Befriedung in Zentralamerika verläuft der Prozess in Mexiko genau umgekehrt: kaum bewaffnete Auseinandersetzungen und langwierige Friedensverhandlungen, die jedoch immer wieder "auf Eis" gelegt werden, wodurch nur scheinbar Frieden entsteht.

Daran anschließend wurde die internationale Dimension von Gewalt und Konfliktregulierung kontrovers diskutiert. Am Beispiel von Haiti und El Salvador wurde die Rolle der Vereinten Nationen (VN) bei der Konfliktregulierung und Kontrolle von Gewalt behandelt. Die Krisenprävention ist das erstrangigste und weitreichendste Konzept der VN zur Kontrolle von Gewalt in potentiellen Krisengebieten. Dabei kann der Katalog der Multidimensional Peace-Building-Operation als zentrales Element und Werkzeug der Prävention und Kontrolle militärischer Auseinandersetzungen ausgemacht werden. Die Entwaffnung der Konfliktparteien, die Einhaltung der Friedensverträge und der Respektierung der Menschenrechte sind die wichtigsten Aufgaben der Friedensmissionen der Vereinten Nationen.

Vor dem Hintergrund dieser grundsätzlichen Überlegungen folgte eine kritische Bilanz der VN-Friedensmissionen in Haiti und El Salvador. Von 1991 bis 1997 überwachte die Mission für El Salvador (ONUSAL) die Einhaltung des umfassenden Friedensabkommens einschließlich der Beobachtung der 1991 abgehaltenen demokratischen Wahlen, der Respektierung der Menschenrechte und des Aufbaus einer neuen nationalen Polizei. In Haiti einigten sich die OAS und die VN 1993 auf eine gemeinsame Friedensmission (MISIVIH), die angesichts der permanenten Instabilität und gesamtgesellschaftlichen Polarisierung vor weitaus größeren Problemen stand als ONUSAL. Nach dem Militärputsch gegen den Sieger der ersten demokratischen Wahlen, Jean-Bertrand Aristide, war die Rückkehr zur Demokratie nur über den Einsatz einer internationalen Eingreiftruppe zur Unterstützung der MISIVIH möglich. Dennoch haben ein Mangel an Konsens sowie die gesellschaftliche Differenzierung in Haiti bisher eine weitreichende Stabilisierung verhindert. In El Salvador dagegen hat sich die Lage aufgrund der Unterstützung der VN-Bestrebungen durch die Bevölkerung weitgehend konsolidiert.

Wenn man in Rechnung stellt, dass die Aufgabe der VN vor allem darin besteht, die nationalen Akteure bei der Schaffung eines dauerhaften Friedens zu unterstützen, wurden beide Missionen trotz vereinzelter Kritik insgesamt als positiv bewertet. So bestand weitgehende Einigkeit darüber, dass eine internationale Intervention den Verlauf der Friedensverhandlungen eher beschleunigt, während ein auf nationale Akteure begrenzter Prozess aufgrund der bestehenden Rivalitäten und gegenseitigen Misstrauens oft in eine Sackgasse führt. In einem äußerst provokativen zweiten Beitrag zur internationalen Dimension der Gewalt wurde das staatliche Gewaltmonopol im Kontext der Globalisierung in Frage gestellt und die Existenz des Nationalstaates hinterfragt. Um die Auswirkungen der Globalisierung zu analysieren, so wurde konstatiert, müsse man drei miteinander verwobene Sektoren in Betracht ziehen: a) den formellen und mithin steuerzahlenden Sektor, b) den informellen Sektor, zu dem mittlerweile 60% der Weltbevölkerung zählten und c) den "kriminellen Sektor". Dabei sei zu beobachten, dass der informelle Sektor schneller wachse als der formelle und der "kriminelle Sektor" wiederum wesentlich stärker als die beiden anderen. Hinzu käme, dass der illegale Sektor durch seine starke internationale Vernetzung, im Gegensatz zur offiziellen Wirtschaft, bereits globalisiert sei. Die Nationalstaaten könnten weder aus dem weltweit ständig wachsenden informellen Sektor noch aus den ausländischen Kapitalinvestitionen die für ihre Existenz so notwendigen Steuereinnahmen schöpfen. Dieser besorgniserregende Trend führe dazu, dass der Staat immer stärker vom "kriminellen Sektor" finanziert würde und somit auch bestimmte Partikularinteressen verträte. Schließlich würden sich die Nationalstaaten immer weiter kriminalisieren, sodass am Ende das Kapital aus dem illegalen Sektor, im Zusammenhang mit der "Geldwäsche", zur Finanzierung des formellen, steuerzahlenden Sektors genutzt würde. Insgesamt wurde ein äußerst düsteres Zukunfts-Szenarium skizziert, indem ein Verschwinden der Nationalstaaten, die Auflösung der Zivilgesellschaft sowie die Informalisierung und Kriminalisierung der Weltgesellschaft prognostiziert wurden.

Die Prognosen zum Abschluss der Tagung fielen denn auch für Lateinamerika überwiegend pessimistisch aus: Ein Ende der innergesellschaftlichen Konflikte ist nicht abzusehen, vielmehr deutet vieles auf eine weitere Zunahme der Gewalt hin. Die Informalisierung und Kriminalisierung der Wirtschaft scheint unaufhaltsam, die Einkommenskonzentration hat sich in den letzten Jahren verschärft, nichtorganisierte Gewalt ist in vielen Ländern ein alltägliches Phänomen, und im Zuge des neoliberalen Wirtschaftsmodells hat eine weitgehende Entmachtung des Staates stattgefunden, der nicht mehr in der Lage ist, die Situation in den Griff zu bekommen. Dieser apokalyptischen Zukunftsvision wurden jedoch im Abschlussvortrag positive Entwicklungen, wie die Herausbildung einer autonomen, pluralistischen Zivilgesellschaft und die Entstehung eines demokratischen Bewusstseins entgegengesetzt. So vertraten einige Teilnehmer die Ansicht, eine dauerhafte Lösung der sozialen und politischen Konflikte in Ländern wie Kolumbien und Mexiko könne nur durch die Beteiligung der Zivilgesellschaft an den Friedensverhandlungen gewährleistet werden. Die Rolle der Zivilgesellschaft - ein Begriff der noch immer der Klärung bedarf - in den Friedens- und Demokratisierungsprozessen Lateinamerikas löste eine lebhafte Debatte zwischen den lateinamerikanischen Teilnehmern aus, die offenlegte, dass innerhalb der Region weder ein Konsens über das künftige Entwicklungsmodell, noch über die Fortsetzung der revolutionären Bewegungen in der Region besteht. Das pluralistische Demokratiemodell westlichen Vorbilds wurde dabei ebenso in Frage gestellt wie das bisherige Konzept des bewaffneten Kampfes in Lateinamerika.

Die ADLAF-Jahrestagung 1999 hat jedenfalls gezeigt, dass eine Auseinandersetzung mit den Akteuren, Ursachen und Konsequenzen der Gewalt eine notwendige Vorbedingung für eine konsensfähige, effiziente Konfliktregulierung auf lokaler, nationaler und regionaler Ebene als Weichenstellung für die Zukunft der Region ist.

Susanne Gratius und Andreas Steinhauf
Institut für Iberoamerika-Kunde, Hamburg