ADLAF-Tagung 2018


Fußball und Gesellschaft in Lateinamerika


vom 07. bis 09. Juni 2018

Konrad-Adenauer-Stiftung, Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung, Tiergartenstraße 35, Berlin


Call for Papers


In wenigen Regionen der Welt hat Fußball für die Menschen einen so hohen Stellenwert wie in Lateinamerika. Dies zeigten der Conferations Cup 2013 und die Weltmeisterschaft ein Jahr später, als die besten Teams der fünf Kontinente in Brasilien zu Gast waren und die ganze Welt auf dem Bildschirm diese Megaevents mitverfolgte und mit ihren Mannschaften mitfieberte. Warum hat für viel Menschen Fußball einen viel höheren Stellenwert als etwa eine PräsidentInnenwahl, was fasziniert sie so sehr an diesem Mannschaftssport, was kann Fußball, was kann er nicht? Zahlreiche ForscherInnen aus der Soziologie, der Anthropologie, den Geschichtswissenschaften, den Kulturwissenschaften, der Ökonomie und der Politikwissenschaft versuchen seit rund 20 Jahren Antworten auf diese und andere Fragen zu finden. Auf der Tagung zum Thema „Fußball und Gesellschaft“ sollen hierzu, einem interdisziplinären Zugang folgend, neue Forschungsperspektiven und -ansätze zur praxeologischen und diskursiven Ebene in thematisch gegliederten Panels vorgestellt werden.


Vorschläge für Beiträge sollen einem der sechs folgenden Themenfelder zuzuordnen sein:


Migration, Transfer und kollektive Identität

Seit dem frühen 20. Jahrhundert fanden in Lateinamerika unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen als SpielerInnen, ZuschauerInnen und KonsumentInnen von Berichten Gefallen an Fußball. Dieser Mannschaftssport wurde dadurch zu einem entscheidenden Vehikel der Identitätskonstruktion. Da Fußball auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Räumen lokal, regional, national, kontinental und global – praktiziert wird, werden diese Identitäten immer wieder neu verhandelt. In welchen Situationen kommt es zum Wandel von Zugehörigkeiten (und Exklusionen)? Neben Beiträgen, die transnationale Netzwerke, Vorstellungen, Verflechtungen und Transferprozesse betonen, sind in diesem Panel auch innovative Vorschläge aus historischer und zeitgenössischer Perspektive willkommen, die Aspekte der Identitätskonstruktion aus einer gruppenspezifischen und/oder einer Mikroperspektive in den Blick nehmen.


Ballrituale und Zugehörigkeiten in der longue durée

In diesem Panel werden unterschiedliche zeiträumliche Zusammenhänge fokussiert, die in der longue durée zu einem tieferen Verständnis von Zugehörigkeitskonstruktionen in den betrachteten Regionen in den Amerikas als transnationale und transkulturelle Räume beitragen. Ausgehend von den vornehmlich religiösen Funktionen vorspanischer Ballspielrepräsentationen und deren Bedeutungen für gesellschaftliche Differenzierungsprozesse sollen diese mit europäischen, in der Kolonialzeit eingeführten Ballritualen verglichen und so die Entstehung neuer Spielformen, wie etwa der pelota mixteca nachgezeichnet werden. Welche Funktionen übernehmen diese Spielarten sogenannter „indigen“ dominierter Ballrituale, aber auch der Ende des 19. Jahrhunderts von Engländern in Lateinamerika eingeführte moderne Fußball in gesellschaftlichen Neuordnungsprozessen in den Amerikas? Willkommen sind in diesem Panel medientheoretische und kulturanthropologische Beiträge aus historischen und gegenwärtigen Perspektiven.


Geschlecht und Macht

‚Fußballräume’ sind auf besondere Weise durch gesellschaftliche Machtstrukturen geprägt: Geschlecht, Ethnizität, soziale Herkunft und Sexualitäten bilden Kriterien, um Personen auszuschließen oder in der Sportausübung einzuschränken. Obwohl sich Fußball bereits im 20. Jahrhundert zu einem breiten und bedeutenden gesellschaftlichen Phänomen in Europa und Lateinamerika entwickelt hatte, war der Sport lange Zeit ausschließlich von männlichen Protagonisten dominiert und bildete hegemoniale Formen von Männlichkeit heraus. In den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch der Frauenfußball einen Raum in dem männlich dominierten Sport erkämpft und somit auch in der sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung zum Thema. Zudem haben es neue Forschungsperspektiven ermöglicht, Sport nicht nur in Hinblick auf physische Betätigung zu betrachten, sondern Körperpraktiken in Massensportarten wie Fußball im Kontext unterschiedlicher gesellschaftlicher Dynamiken wie Kolonialismus, Globalisierung, Mega-Events und Arbeitsmigration zu untersuchen. Die Beiträge des Panels sollen Fußball und Gender in Verbindung mit Fragen zu Körper, Sexualität und Ethnizität aus interdisziplinärer Perspektive diskutieren.


Macht, Politik, soziale Bewegungen

Die enge Verflechtung von Fußball und Politik ist offensichtlich. Längst schon werden politische Konflikte stellvertretend auf den Fußball übertragen. Die Vergabe großer Fußballturniere ist ein Politikum und eine Machtdemonstration. Sportliche Aspekte müssen im Zweifel in den Hintergrund treten, Korruptionsfälle treten vermehrt zu Tage. Die Vergabe der FIFA Fußballweltmeisterschaft 2022 in den Wüstenstaat ohne Fußballtradition Katar ist für all dies exemplarisch, doch bei weitem nicht das einzige Beispiel. Die letzte Fußballweltmeisterschaft in Brasilien wurde im Vorfeld von sozialen Protesten begleitet, Russland steht als Ausrichterland 2018 international in der Kritik und beim deutschen „Sommermärchen“ 2006 wurde bei der Vergabe mutmaßlich nachgeholfen. Auf der anderen Seite wird stets betont, dass der Sport unpolitisch sei. Fragen zur Menschenrechtslage am Austragungsort wird mit Verweis darauf, dass dies Aufgabe der Politik sei, aus dem Weg gegangen. Vor diesem Hintergrund sollen in diesem Panel folgende Fragen diskutiert werden. Wie wirken sich politische Geschehnisse auf den Fußball und umgekehrt aus? Wie drückt sich politischer „Missbrauch“ von Fußball aus? Welche positiven Effekte kann der Fußball für den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Land und über die Staatsgrenzen hinaus haben?


Medien, Globalisierung und Literatur

Wie haben die Medien die Ausbreitung, Professionalisierung und Popularisierung des Fußballs geprägt? Welche unterschiedlichen Entwicklungen im Hinblick auf den Fußball kann man bezüglich der Massenmedien als Vehikel und Ausdruck der Globalisierung beobachten? Wie werden FußballspielerInnen, Helden und Fans in den Medien wie auch in der Werbung repräsentiert und vermarktet? Wie wird Fußball in der Literatur repräsentiert, und welche kritischen Reflexionen finden dort statt? Solche Fragen werden diskutiert. Hierbei geht es in diesem Panel darum, lateinamerikanische Fußballdiskurse zu analysieren und Veränderungen in verschiedenen historischen und kulturellen Kontexten zu verstehen. Ferner soll erörtert werden, wie der Raum des Fußballs – zum Beispiel im Hinterhof, im Dorfklub oder im Stadion erfasst und dargestellt wird.


Repräsentation im Film

Fußballfilme stellen ein prominentes Vehikel zur Dramatisierung vorherrschender nationaler Mythen, kultureller Klischees und sozialer Transformationen dar. Das Spektrum filmischer Repräsentationen reicht von Dokumentarfilmen über Einzelpersonen wie Diego Maradona und Andrés Escobar bis hin zu Spielfilmen, in denen der Fußball als Symbol für die Conditio Humana in einer gewalttätigen Welt dient. Fußballfilme stellen wichtige Instrumente der kollektiven Selbstvergewisserung und der Erzeugung von Geschichtsbildern dar und sind als solche für die Forschung interessant. Für uns sind indes nicht nur die Ästhetik und Semiotik des Fußballfilms, sondern auch die Rezeption und Wirkung der filmischen Repräsentation dieses populären Sports von Bedeutung.


InteressentInnen werden gebeten, Beitragsvorschläge auf Spanisch, Portugiesisch oder Englisch unter Angabe des Titels, Angaben zu den AutorInnen sowie ein kurzes Abstract (max. 200 Wörter) bis zum 1. November 2017 an folgende Adresse einzureichen:


adlaf@ku.de


Die Auswahl der PanelteilnehmerInnen erfolgt dann durch die Vorbereitungskommission bis Ende November 2017, damit Sie noch Zeit haben, eine Finanzierung zu beantragen. Die ADLAF kann leider die Kosten der ausgewählten PanelistInnen nicht übernehmen.


Hier finden Sie den Call for Papers im pdf-Format.