ADLAF-Tagung 2018


Fußball und Gesellschaft in Lateinamerika


vom 07. bis 09. Juni 2018

Konrad-Adenauer-Stiftung, Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung, Tiergartenstraße 35, Berlin




Eröffnungsveranstaltung am 7. Juni 2018 in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin: Romy Köhler (ADLAF) moderiert das Eröffnungspanel „Korruption ‚Machismo‘ und Rassismus – Gesellschaftliche Herausforderungen und die positive Kraft des Fußballs“ mit den Expertinnen und Experten (von links nach rechts) Cornelia Schmidt-Liermann, Antonio Leal, Jürgen Griesbeck, Aline Pellegrino und Felix Magath.  Foto: KAS

von Friederike Hildebrandt, Sonja Jalali, Antonia Jordan, Prof. Dr. Anika Oettler, Veronika Reuchlein und Matthias Rauthmann, Philipps-Universität Marburg


Vom 7. bis 9. Juni 2018 fand in Berlin die Tagung „Fußball in Gesellschaft in Lateinamerika“ statt, die gemeinsam von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung (ADLAF) ausgerichtet wurde.


Als Studierende der Philipps-Universität Marburg (International Development Studies, Friedens- und Konfliktforschung, Vergleichende Religionswissenschaften / Theologie) haben wir die Tagung besucht. Unsere Gruppe war dahingehend sehr heterogen, dass unser Interesse am Fußball (von “sehr” bis “überhaupt nicht”) genauso variierte wie unsere disziplinären Hintergründe und unsere Bezüge zu Lateinamerika. Trotz dieser unterschiedlichen Interessen empfanden wir die vielfältigen Themenfelder der Tagung alle als bereichernd. So waren diverse Diskussionen präsent: sowohl die Auswirkungen des Fußballs als globales Event, das Fankulturen und Identitäten schafft, als auch die monetären, politischen und genderbezogenen Dimensionen. Insbesondere die Proteste in Brasilien gegen die horrenden Ausgaben für die WM 2014 wurden in diesem Kontext thematisiert. Ziel der Tagung war es, die enge Verknüpfung gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen mit dem Phänomen Fußball aufzuzeigen. Für die Diskussionen wurde ein sehr gemischtes Publikum eingeladen: Zahlreiche Wissenschaftler*innen, aber auch Sportler*innen und Filmemacher*innen präsentierten in neun verschiedenen Diskussions-runden ihre Beiträge. Die meisten der Vortragenden waren über den gesamten Zeitraum der Tagung anwesend und haben die Tagung durch viele (kritische) Fragen, Anmerkungen und Einwände bereichert.

Der folgende Bericht soll einen Einblick in unsere Erfahrungen geben und geht deswegen nicht zwingend chronologisch vor. Wir konzentrieren uns auf die Vorträge und Redner*innen , die wir am eindrücklichsten fanden und werden aus diesem Grund nicht allen Teilnehmenden gerecht werden können.

Die Konferenz startete mit dem ADLAF Nachwuchs-workshop, welcher jungen Nachwuchsforscher*innen (Masterstudierenden und Promovirenden) die Möglichkeit gab, in Form einer kurzen Präsentation und einer Posterausstellung ihre Projekte vorzustellen, die anschließend von Fach-expert*innen kommentiert wurden. Hierbei wurden Themen aus dem lateinamerikanischen Raum angesprochen, die nicht nur auf Fußball beschränkt waren: Sie reichten von kirchlichen Akteuren in Kuba, über Extraktivismus, Wissen über indigene Arznei hin zur Süd-Süd Migration nach Mexiko. Für uns war dies eine inspirierende Veranstaltung, weil sie einen guten Einblick in verschiedenste Thematiken und deren Forschungsstand im lateinamerikanischen Raum sowie in unterschiedliches methodisches Vorgehen bei der Erforschung dieser Themenfelder gab. Auch eine Studentin unserer Gruppe stellte dort ihr Masterarbeitsthema zu Kuba vor. Losgelöst vom Fußball war die Veranstaltung insgesamt ein gelungener Einstieg für die Tagung mit Fokus auf den lateinamerikanischen Raum.


Das Eröffnungspanel

In der eröffnenden Diskussionsrunde ging es um gesellschaftliche Herausforderungen und die positive Kraft des Fußballs, und es wurden viele unterschiedliche Themen von einer beeindrucken-den Auswahl von Redner*innen angesprochen (s. Bericht der KAS). Viele von uns empfanden es deshalb als Höhepunkt der Konferenz.

Es ging darum, dass Fußball oftmals mit einem starken Zugehörigkeitsgefühl und ‘team play’ assoziiert würde, was auf den ersten Blick sehr positiv wahrgenommen werde. Eine der Teilnehmer*innen, Aline Pellegrino, thematisierte demgegenüber aber auch die Auswirkungen männlicher Dominanz. In Brasilien sei es für Frauen lange verboten gewesen, Fußball zu spielen und Sport sei in vielerlei Hinsicht nur für Männer gedacht gewesen. Sie appellierte für die Gleichheit des weiblichen Geschlechts und dafür, dass der Fokus immer auf den Menschen und deren Entwicklung liegen sollte, nicht aber auf den zugeschriebenen geschlechtlichen Rollenbildern. Dass die Position erfolgreicher brasilianischer Fußballspielerinnen weiterhin eine sehr schwierige ist, zeigt, dass die Diskussion über die Gleichberechtigung im Fußballsport nicht vernachlässigt werden darf. Pellegrino verdeutlichte außerdem, dass es in dieser Auseinandersetzung nicht um „die Probleme der Frau im Fußball“ sondern um die Frage der Frau in der Gesellschaft ginge, da sich die allgemeine gesellschaftliche Benachteiligung der Frau lediglich im Fußball widerspiegele. Jürgen Griesbeck betonte weitere Aspekte des Fußballs, wie etwa die Friedlichkeit des Spiels, die Förderung der Vertrauensbildung sowie den Fokus auf ein gemeinsames Ziel. Er kritisierte gleichzeitig, dass vielen Gesellschaften ein solches gemeinsames Ziel, etwa im Hinblick auf das Erreichen der Sustainable Development Goals (SDG), fehlen würde. In seinen Augen führen die enorm hohen Ablösesummen zudem zu einer Reduzierung der Menschlichkeit der (meist männlichen) Spieler, wobei stattdessen deren ökonomischer Wert im Vordergrund stehe. In seiner Initiative “Common Goal” setzt er sich deswegen für soziale Verantwortung von Fußballspieler*innen ein.

Antonio Leal nutzte die Möglichkeit, um auf weitere in Brasilien vorherrschende soziale Ungleichheiten aufmerksam zu machen. Er kritisierte, dass im Rahmen der Weltmeisterschaft 2014 neue Fußballstadien errichtet wurden, obwohl viele der weltweit größten Arenen bereits in Brasilien existieren und berichtete über die Unruhen gegen die geförderten Megaprojekte. Auf Demonstrationen wurden Bildung, Gesundheit und soziale Absicherung nach “FIFA-Standard” gefordert und auf die Absurdität der investierten Summen aufmerksam gemacht. Des Weiteren äußerte sich Leal zu der fehlenden Rechtsstaatlichkeit im brasilianischen Kontext und zeigte in dem Zusammenhang ein großflächiges Bild von der Stadträtin Rio de Janeiros, Marielle Franco, welche im März 2018 ermordet wurde. Dieser emblematische Fall erfuhr bis heute keine Aufklärung. Die Straflosigkeit von Menschenrechtsverbrechen zeigt deutlich, wie die Diskussion über den Fußballsport einen gesamtgesellschaftlichen und höchst politischen Charakter annehmen kann.


Historische Entwicklung

Welche Formen des Ballspiels existierten bereits vor der 'Ankunft' des europäischen Fußballs im latein-amerikanischen Raum? Wie haben sich diese im historischen Verlauf entwickelt? Diesen Fragen gingen insbesondere die Vortragenden im Panel Ballspiele und Zugehörigkeiten in der longe dureé, als auch die zuvor eröffnete Fotoausstellung “Pelota Mixteca in California” von Leopoldo Peña und Martin Berger nach.

Die Fotoausstellung präsentierte eindrucksvoll die Mitnahme des indigen mexikanischen Ballsports von aus Oaxaca stammenden Migrant*innen in ihre neue Heimat in den 1980er Jahren, welcher vor allem in Fresno, Los Angeles, Oxnard, San José und San Diego gespielt wird. Sie zeigt außerdem, die wichtige Rolle welche eine traditionelle Ballsportart des Herkunftslandes für die Identität von Migrant*innen spielen kann.

Im Anschluss daran sprach Ramzy Barrois von drei anzestralen Ballsportarten, die über Ikonographie und archäologische Funde nachweisbar seien: Pelota Mixteca, Ulama und Pelota Tarasca. Die Vorträge der anderen Redner*innen fokussierten insbesondere Geschichte, Grundlagen und Entwicklung von Ulama (Manuel Aguilar Moreno) und Pelota Mixteca (Eric Taladoire und Martin Berger). Martin Bergers kritisch kommentierte Aussage, dass Pelota Mixteca in seiner heutigen Form durch die Anpassung an das kolonial etablierte, europäische Fußball ausgezeichnet sei, ließ den Dissens in der wissenschaftlichen Bestimmung des historischen Entwicklungsverlaufs dieser anzestralen Ballsportart erahnen. Die diesen anzestralen Ballsportarten zugeschrieben Funktion sei vielseitig: Sie könne soziale, politische und religiöse Rituale, Konfliktaustragungsformen oder Ausgangspunkt sozialer Festlichkeiten sein. In der globalisierten Welt spiegele sie die Intersektionalität verschiedener, mit dem Ballspiel verbundenen Identitätsebenen wieder (regional bis transnational, ethnisch, soziale und territoriale Zugehörigkeiten/ Rollen, etc.). Juliane Müller thematisierte, dass die Einführung des Fußballs in den indigenen Schulen des andinen Bolivien zusammen mit dem sportlich-gemeinschaftlichen Aspekt, auch eine Plattform für politischen Widerstand bot und somit die spezifische, auch politische Aneignung des Fußballs sichtbar machte. Die (teilweise) interaktiven Entwicklungs- und Aneignungsprozesse von anzestralen Ballsportarten und europäischem Fußball in Lateinamerika waren und sind somit vielfältig und von sozialpolitischen Dynamiken geprägt, wie es auch Pablo Alabarces in seiner Keynote betonte. Er zeigte außerdem eindrucksvoll, dass bei der Entwicklung des lateinamerikanischen Fußballs – anders als meist dargestellt – nicht nur Akteure aus England, Deutschland oder Schweiz mitgewirkt haben, sondern vor allem lateinamerikanische Pioniere.

Insgesamt eröffneten die unterschiedlichen Inputs zu den historischen Entwicklungen des Fußballs ein vielschichtiges Bild von den unterschiedlichen Wurzeln des Fußballs in Lateinamerika. Für viele von uns war es ein neuer Denkansatz, Fußball nicht als ein “Importgut” der Kolonialmächte zu betrachten, sondern als Sportart die sich an vielen Stellen aus und in Interaktion mit der lateinamerikanischen Gesellschaft entwickelt hat.


Rassismus und Gender

Die Themen Rassismus und Gender wurden insbesondere in Bezug auf die Darstellung in den Medien und während des Panels Geschlecht und Macht thematisiert.

Zum Thema Rassismus, insbesondere in der Sportpresse, fand Sharun Gonzales die deutlichsten Worte. In ihrem Beitrag bezog sie sich auf ihre eigene Forschung zur Repräsentation von Rassismus und Stereotypen in der peruanischen Sportpresse. Sie hob gerade den Fußball dabei als eine Plattform für Diskriminierung hervor, in der rassistische Stereotype und Terminologien Verbreitung finden und betonte die multidimensionale Dynamik des Fußballs. Eindrucksvoll erklärte sie das Paradox, dass viele Menschen in Peru denken, es gäbe keinen Rassismus, andererseits jedoch die Presse voll sei mit rassistischen Äußerungen. Gonzales betonte außerdem mehrfach, dass Rassismus ein globales Phänomen sei und somit in allen Ländern der Welt auf der Tagesordnung stehe und nicht an Örtlichkeiten oder sozialpolitische Konditionen gebunden sei. Die Ursache sieht sie zum einen in der Unkenntnis darüber, was Rassismus eigentlich bedeutet. Darüber hinaus würden viele die ‘Schuld’ lieber bei anderen als bei sich selber suchen und somit die moralische Verantwortung von sich weisen. Ihren Beitrag schloss sie mit der offenen Frage: “Sind rassistische Kategorien wirklich notwendig, um den Fußball zu genießen?” Diesbezüglich erwähnte Antonio Leal, dass der Fußball in der Gesellschaft Gewinner*innen und Verlierer*innen (re-)produziere. Zugehörigkeiten würden besonders anhand bestimmter Männer-, Körperbilder oder auch aufgrund der jeweiligen Hautfarbe der Spieler*innen bestimmt. Mit dieser Argumentation trat er der Position entgegen, diese Sportart (ausschließlich) als Kollektiv-förderndes und identitätsstiftendes Instrument zu begreifen. Pablo Alabarces ergänzte, dass (afro)brasilianische Spieler(*innnen) als ‚monitos‘ (auf Deutsch: Äffchen) bezeichnet wurden. Diese rassistischen Äußerungen initiierten jedoch keinen Aufschrei des Entsetzens oder die kritische Auseinandersetzung mit diesem Diskurs auf gesellschaftlicher Ebene, sondern führten dazu, dass keine afrobrasilianischen Spieler(*innen) mehr in die nationale Auswahl gewählt werden sollten. Beispiele wie diese zeigten die tiefe gesellschaftliche Verankerung des Phänomens Rassismus, welches sich in sehr ausgeprägter wie auch legitimierter Form im Fußballsport wiederfindet.

Das Thema Diskriminierung wurde auch in dem Panel zu Geschlecht und Macht, in dem die Männer im Publikum ausnahmsweise einmal die Minderheit darstellten, aufgegriffen. Carmen Rial erläuterte die Mechanismen des Fußballs so: Über Fußball werde insbesondere die Heterogenität des Geschlechts und damit einhergehend eine gewisse Kontrolle über die Geschlechter ausgeübt. Diese zeige sich durch verbreitete Ansichten, dass Fußballstadien für Frauen zu gefährlich seien oder dass Fußball als ein Raum wahrgenommen werde, der den Männern vorbehalten ist. Er werde oft mit ‘ernsten’, oft politischen Themen assoziiert - Themen, denen Frauen nicht gewachsen seien. Dadurch hätten viele Frauen internalisiert, keinen Fußball zu mögen. Überdies erklärte Rial, dass die Thematik des ‚futebol feminino‘ (auf Deutsch: der weibliche Fußball) über lange Zeit von Feminist*innen in Brasilien ignoriert wurde, obwohl der Fußball eine zentrale Rolle in der brasilianischen  Gesellschaft eingenommen habe. In ihrem Vortrag machte sie vor allem die soziale Distanz zwischen fuß-ballspielenden, sozial schwächeren, afrobrasilianischen Frauen und weißen, sich in intellektuellen Sphären aufhaltenden, brasilianischen Feminist*innen dafür verantwortlich. Somit wurde an dieser Stelle auch die Intersektionalität zwischen „Klassen“ und der Zugehörigkeit aufgrund der Hautfarbe in der Auseinandersetzung mit dem Frauenfußball im brasilianischen Kontext veranschaulicht. Darüber hinaus wurden die sehr viel niedrigeren Gehälter von Fußballer*innen problematisiert, welche nicht nur Ausdruck der Abwertung von Frauen als Fußballspielerinnen ist, sondern auch rassistische Komponenten offenlegt.

Gabriela Ardila Biela schloss an diese Themen an und erläuterte, dass Sport für Frauen eine ganz eigene Bedeutung hatte. Frauen sei beim Sport nahegelegt worden, ihn für ihre Schönheit zu nutzen und ihren Körper vor Verletzungen zu schützen, um auch die Reproduktionsfähigkeit des Körpers nicht zu gefährden. Eine solche Interpretation des Sports für Frauen habe dann auch ein gänzliches Verbot für Frauen unnötig gemacht, da sie gesellschaftliche Limitierungen etablierte, die Frauen den Zugang zum Fußball erschwerten. Obwohl Frauen in Kolumbien bereits seit 40 Jahren Fußball spielten und sich für die Professionalisierung des Frauenfußballs einsetzten, geschah dies erst im Jahr 2017. Die soziale Anerkennung des Fußballs als „männlich“ habe den Kampf um die Anerkennung des Frauenfußballs erschwert. Da es in Kolumbien einen gesetzlichen Einfluss auf sportliche Praktiken gibt, werde deutlich, dass es sich bei der Etablierung des Frauenfußballs auch um eine soziale und politische Frage handle. Außerdem wurde in diesem und anderen Panels betont, dass, trotz vieler Fortschritte wie der Professionalisierung des Frauenfußballs und der Existenz zahlreicher sehr erfolgreicher Frauenfußballteams, auch Herausforderungen bestehen blieben. Die Auszahlung höchst ungleicher Prämien an männliche und weibliche Fußballspieler*innen, Unterschiede in der Popularität in der Gesellschaft sowie auch in der Medienberichterstattung seien nur einige Beispiele für die gegenwärtigen Schwierigkeiten, die das Phänomen Fußball und die damit zusammen-hängenden Geschlechterproblematiken prägen.