El Congreso Anual 2004 de ADLAF

Elites en América Latina

Programa (PDF)

fue llevado a cabo por la Fundación Konrad Adenauer
del 18 al 20 de novembre del 2004 en Berlín.

Zusammenfassender Bericht von Stephan Hollensteiner (Rio de Janeiro)

Beim Thema „Eliten in Lateinamerika“ denkt man schnell an wortgewandte Intellektuelle, korrupte Politiker und mächtige Großgrundbesitzer. Denn die Frage nach Struktur und Rekrutierung sowie Auf- und Abstiegsmustern von Eliten führt unweigerlich zu der nach ihrer Rolle in Politik und Gesellschaft – und danach, ob sie als Bremse oder Motor von Entwicklung und Demokratie gewirkt haben. Die Eliten in Lateinamerika gelten traditionell als zwischen Europa, den USA und den eigenen Ländern hin- und hergerissen; sie werden für viele politische und soziale Übel des Kontinents – von Klientelismus über Korruption bis Wohlstandsgefälle – verantwortlich gemacht. Aber auch die Demokratisierungsprozesse der 1970er und 1980er Jahre und die (neo-liberalen) Strukturreformen der 1990er Jahre wurden primär von Eliten verantwortet, deren Wandlungsfähigkeit seit einigen Jahren von der Globalisierung herausgefordert wird.

“Eliten in Lateinamerika” war das Thema der ADLAF-Jahrestagung 2004, die im November 2004 in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin stattfand. Zweieinhalb Tage lang diskutierten ca. 250 meist sozialwissenschaftliche orientierte deutsch-sprachige Lateinamerikanisten und zwei Handvoll Gäste aus Lateinamerika den Stand der Dinge. Angesichts des schillernden Themas war das Eröffnungspanel den „Begriffen, Bildern, Selbstbildern”, also der historisch-begrifflichen Klärung gewidmet. Der Jurist und Politologe Peter Waldmann deutete angesichts der verschiedenen Eliten-Konzepte (u.a. Funktionselite, Machtelite, Positionselite) an, dass der Begriff oft mehr Fragen stelle als Antworten gebe. Auch die philosophisch-historischen Reflexionen zweier lateinamerikanischer Denker ließen Skepsis aufkommen. Nach Aussage des argentinischen Rechtsphilosophen Ernesto Garzón Valdés habe die Vereinnahmung der oft progressiven Werteliten durch die oligarchischen Machteliten breiteren Fortschritt auf dem Kontinent verhindert und die Spielregeln des Rechtstaats verletzt. Auch für den peruanischen Soziologen H.C.F. Mansilla haben die lateinamerikanischen Eliten kontinuierlich einen grundlegenden Wandel behindert. Nach einer (von ihm idealisierten) Blütezeit durch die liberalen Gründerväter der Republiken herrsche seit den 1930er Jahren eine sich demokratisch gebende Plutokratie, in der sich traditionell klientelistische und modern populistische Orientierungen vemischt hätten. Was aber passiert mit den Eliten im Kontext von Demokratisierung oder Globalisierung? Der erste Tag endete mit einer Art kollektiver Verunsicherung – zu wabernd und zugleich buntscheckig war der Begriff geblieben, so dass oft nicht richtig klar wurde, um wen es ging: Um die, die in Politik, Staat und Wirtschaft die Entscheidungen treffen, oder aber auch um jene, die im weiteren Sinne Wertorientierungen und öffentliche Meinung beeinflussen?

Die Sektionsarbeit des zweiten Tages war empirischen Fallstudien gewidmet. Neben einigen historischen Beispielen (wie bei der argentinischen Historikerin Hilda Sábato, die die Herausbildung der „republikanischen Eliten“ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Cono Sur skizzierte oder beim Rostocker Politologen Nikolaus Werz, der die geistigen Beziehungen zum Ausland zwischen „Lateinamerikanismus und Globalisierung“ beschrieb), behandelten die meisten Beispiele die vergangenen drei Dekaden. Wie verhielten sich die Eliten im Rahmen der „doppelten Transition“ (Demokratisierung und neo-liberale Reformen) der vergangenen Jahrzehnte? Nicht zufällig ging es meist um Chile und Mexiko, den beiden Staaten, in denen dieser Wandel in beiden Bereichen am nachhaltigsten umgesetzt wurde. Die Beiträge zeigten, dass die in beiden Staaten entstandene neue technokratische Elite moderne mit klientelistischen Beziehungsmustern zu verbinden weiß. Zum einen haben die meist in den USA diplomierten Ökonomen die Kriterien von Effizienz und Rationalität verinnerlicht und sich aus dem nationalstaatlichen Rahmen gelöst; zum anderen spielen sie weiter auf der Klaviatur informeller Beziehungen, mit denen sie sich politische Ressourcen im Nationalstaat sichern. Inwieweit diese zugleich neuen und alten Eliten demokratische Konsolidierung und nachhaltige Entwicklung fördern, blieb aber außen vor. Aufschlussreich waren auch zwei Analysen zu den Orientierungen ausgewählter politischer Eliten. Beide – eine von der Universität Salamanca koordinierte Langzeitstudie über Parlamentarier aller hispanophonen Länder und eine vom Hamburger Institut für Iberoamerika-Kunde geleitete Umfrage unter den Senatoren der Cono Sur-Staaten – zeigten, dass sich bei einem Großteil der parlamentarischen Eliten die demokratischen Ordnungsmuster gefestigt haben. Beeindruckten diese Arbeiten durch die empirische Datenmenge, war die qualitativ-interpretative Auswertung oftmals (noch) unbefriedigend. Offen blieb vor allem die Frage, welches Verhältnis zwischen Werten und politischem Verhalten besteht, und in welchen institutionellen Konstellationen bzw. Bündnissen mit anderen Akteuren die parlamentarischen Eliten Einfluss auf den Outcome in Politik und Gesellschaft haben (können)?

Es war einer geschickten Dramaturgie zu verdanken, dass am Ende des zweiten und Anfang des dritten Tagungstages solche Arbeiten vorgestellt wurden, die quantitative und qualitative, Mikro- und Makro-Aspekte zu versöhnen schienen. Bezeichnenderweise kamen diese von interdisziplinär arbeitenden Forschern wie den mexikanischen Anthropologinnen Larissa Lomnitz und Marisol Perez Lisaur, dem Politologen Günther Maihold (Stiftung Wissenschaft und Politik) oder dem Nürnberger Historiker Walther Bernecker, die sich alle mit neuen Eliten und sozialem Wandel in Mexiko beschäftigten. Diese Vorträge wiesen auch in die Richtungen, in denen sich die zukünftige Forschung zu Eliten in Lateinamerika zu bewegen hat. Zum einen das Spannungsfeld zwischen Globalisierung und Nationalstaat, in dem die lateinamerikanischen Eliten aufgrund ihrer Ausbildung, Werte und Funktion zunehmend zu global players werden, aber an nationale Kontexte rückgebunden bleiben (womit sie das Dilemma der von Europa und USA geprägten Republikgründer des 19. Jahrhunderts wiederholen); zum anderen der Einfluss der Medien in den von mündlicher und audio-visueller Alltagskultur geprägten Gesellschaften Lateinamerikas, wobei dabei neben den medialen Inszenierungen und ihrem Einfluss auch die Verflechtungen zwischen den Meinungsmachern und TV- und Radio-Besitzern zu Politikern und anderen Wirtschaftsbossen zu berücksichtigen sind.

Auch das Abschlusspannel, das sich dem Thema “Elitenförderung, Entwicklungs-zusammenarbeit und auswärtige Kutlurpolitik” widmete, lieferte mehr Fragen als fertige Antworten. Die Vertreter deutscher Institutionen – u.a. Ingrid Hoven vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Willhelm Hofmeister von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Brasilien, Hans-Georg Thönges vom Goethe Institut-München – betonten, dass ihre Arbeit immer schon auf einem weiten, dialogischen Elitenbegriff beruht habe. Gegenüber der Publikumskritik an den oft zweifelhaften Erfolgen der Arbeit der deutschen Institutionen in dem stets als privilegierter Partner betrachteten Lateinamerika verwiesen sie auf die Teilerfolge in Sachen demokratischer Konsolidierung. Gerade der um eine kulturelle oder zivilgesellschaftliche Dimension erweiterte Eilitenbegriff bringe die positiven Ergebnisse in den Blick, wie etwa die Entstehung lokaler kritischer Öffentlichkeiten, die langfristig auch die nationale politische Kultur und Wahl der Mandatsträger beeinflussen werde. Peter Birle (Ibero-Amerikanisches Institut Berlin) wies stellvertretend für viele aber auch darauf hin, dass die vielbeschworene Dialog-fähigkeit der Bundesrepublik mit dem Kontinent keine weiteren institutionellen Einschnitte – weder bei den Lateinamerika-Instituten und –Abteilungen hierzulande, noch bei den Büros der Mittlerinstitutionen vor Ort – zulasse.

Obwohl bis zum Schluss bei vielen TeilnehmerInnen eine untergründige Skepsis gegenüber dem Tagungsthema zu spüren war und trotz einer unausgewogenen regionalen Themenverteilung (außer Mexiko und Chile wurden nur Argentinien, Mittelamerika und Brasilien noch ansatzweise behandelt) war es insgesamt eine spannende ADLAF- Jahrestagung. Es wäre sicher interessant gewesen, einen Vertreter der neuen politischen Eliten einiger Länder (etwa der Technokraten in Mexiko und Chile oder der Mitte-Links-Regierung in Brasilien) zu Wort kommen zu lassen. Auch hätte man sich mehr Reflexion zu den politisch unkorrekten Eliten des Kontinents, also etwa den Verbindungen zwischen Politik, Wirtschaft und Rauschgifthandel in Kolumbien und Brasilien oder traditioneller Mafia und neuen Technokraten in Mexiko, gewünscht. In ihrem Verlauf offenbarte die ADLAF-Tagung letztlich, dass die Diskussion über Eliten – aufgrund deren zentraler Funktion – quasi als Prisma fungiert, in dessen Licht grundlegende Aspekte von Gesellschaft und Politik wie Demokatisierung, Wirtschaftsordnung und politische Kultur erörtert werden können. Das machte die Debatten spannend - und bisweilen grenzenlos.