Karlotta Bahnsen wurde mit einem der beiden 2. Preise für ihre an der Freien Universität Berlin abgeschlossene Dissertation „Fashion from Below. Bolivian Cooperative Workers’ Negotiations of Inequality and Participation in Buenos Aires’ Garment Industry“ ausgezeichnet.
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Der ADLAF-Preis 2026 wurde am 19. Juni im Rahmen der ADLAF-Tagung 2026 am Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin verliehen. Mit dem Preis würdigt die ADLAF herausragende Dissertationen mit Lateinamerika- und Karibikbezug. Karlotta Bahnsen wurde mit einem der beiden 2. Preise für ihre an der Freien Universität Berlin abgeschlossene Dissertation „Fashion from Below. Bolivian Cooperative Workers’ Negotiations of Inequality and Participation in Buenos Aires’ Garment Industry“ ausgezeichnet.
Auf dieser Seite finden Sie die Laudatio auf die prämierteArbeit sowie die Dankesworte der Preisträgerin.
Laudatio
(von Dr. Sören Weißermel, Gutachter der Dissertation im Rahmen des ADLAF-Preises)
"Karlotta Bahnsen untersucht in ihrer Dissertation die transnational verflochtene Bekleidungsindustrie in Buenos Aires aus der Perspektive bolivianischer Arbeitsmigrant:innen. Im Zentrum steht die Frage, wie diese Arbeiter:innen über die Organisationsform der Kooperative innerhalb neoliberalisierter Produktionsnetzwerke ihren Lebensunterhalt sichern, Handlungsspielräume schaffen und ihre soziale und ökonomische Position verhandeln.
Diesen Fragen nähert sie sich mit einem interdisziplinären theoretischen Ansatz, der Debatten zur economía popular mit Perspektiven aus u.a. der Wirtschaftsanthropologie, der Wirtschafts- und Stadtgeographie, der feministischen Ökonomie und der Arbeits- und Migrationsforschung verbindet.
Besondere Anerkennung verdient jedoch die Methodologie der Arbeit. Zwischen 2017 und 2022 führte Karlotta Bahnsen insgesamt achteinhalb Monate Feldforschung durch. Auch während der Coronapandemie setzte sie ihre Forschung mit digitalen Methoden fort. Im Rahmen einer „shop floor ethnography“ begleitete sie die Kooperative Candelaria während ihrer Gründungs- und frühen Entwicklungsphase. Sie arbeitete in der Produktion mit, begleitete Transporte und Warenabholungen und nahm so unmittelbar am Alltag der Arbeiterinnen teil. Diese intensive Form der teilnehmenden Beobachtung ermöglichte ihr tiefe Einblicke in die Arbeitsabläufe, Herausforderungen und sozialen und kulturellen Beziehungen und Praktiken innerhalb der Kooperative. Die ethnographischen Beschreibungen sind dabei ebenso lebendig wie analytisch präzise und machen die Forschungsarbeit selbst zu einem eindrucksvollen Leseerlebnis.
Die Ergebnisse der Studie sind in mehrfacher Hinsicht innovativ. Erstens richtet Karlotta Bahnsen entgegen dem verbreiteten Fokus auf große Exportregionen den Blick auf eine vor allem national und regional orientierte Bekleidungsindustrie, die wesentlich von bolivianischen Migrant:innen getragen wird. Damit rückt sie Süd-Süd-Verflechtungen in den Fokus und zeigt, dass die Dynamiken der economía popular nicht allein von Unternehmen bestimmt werden, sondern maßgeblich von den Praktiken und Handlungsspielräumen der Arbeiter:innen selbst.
Zweitens macht sie sichtbar, wie eng wirtschaftliche Prozesse mit städtischen Räumen und sozialen Beziehungen verflochten sind. Sie rekonstruiert ein komplexes Netzwerk aus Stadtvierteln, Produktionsorten und Akteur:innen und zeigt, wie bestehende soziale und räumliche Ungleichheiten in die Organisation der Branche eingeschrieben sind und profitabel gemacht werden.
Drittens differenziert sie verbreitete Vorstellungen von Bekleidungsarbeit als ausschließlich von Ausbeutung und sklavenähnlichen Bedingungen geprägt. Mit ihrer intersektionalen Perspektive zeigt sie, wie geschlechtsspezifische Migrations- und Arbeitsverläufe miteinander verwoben sind und wie Kooperativen neue Räume der Teilhabe eröffnen, die zu einer Neuordnung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilungen beitragen.
Viertens liefert sie wichtige Erkenntnisse über die Entstehung und Entwicklung solcher Kooperativen. Diese erscheinen als hybride Räume der organisierten economía popular, in denen ökonomische, soziale und kulturelle Praktiken zusammenwirken. Dabei wird deutlich, wie kollektive Organisierung, Reproduktionsarbeit und individuelle ökonomische Strategien unter den Bedingungen neoliberalisierter Arbeitsmärkte miteinander verflochten sind.
Mit diesen Erkenntnissen setzt Karlotta Bahnsen wichtige Impulse für die Forschung zu Migration, Arbeit und economía popular in neoliberalisierten Industrien. Zugleich setzt ihre Dissertation mit ihrem ethnographischen Zugang methodische Maßstäbe.
Im Namen des ADLAF-Vorstands gratuliere ich Karlotta Bahnsen herzlich zu dieser herausragenden ethnographischen Studie und zur Auszeichnung mit dem 2. ADLAF-Preis."
Dankesworte von Karlotta Bahnsen
"Mit meiner Dissertation Fashion from Below habe ich die kollektiven Organisierungsstrategien bolivianischer Migrantinnen in der informellen Bekleidungsindustrie Buenos Aires' ethnografisch untersucht. Diese Forschung wäre ohne das Vertrauen und die Großzügigkeit vieler Menschen nicht möglich gewesen.
Ich freue mich sehr über die Auszeichnung mit dem ADLAF Award und danke den Mitgliedern der Auswahlkommission sowie Dr. Sören Weißermel für die wertschätzende Laudatio bei der Preisverleihung. Mein Dank gilt außerdem den vielen Forschungsteilnehmenden, die mit mir ihre Zeit, ihr Wissen, Tisch und Dach geteilt haben, meinen Betreuerinnen Prof. Dr. Ingrid Kummels und Prof. Dr. Stephanie Schütze sowie meinen Kolleg*innen vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. Ich danke auch meiner Familie, meinen Freund*innen und meinem Partner für ihre Unterstützung während der Promotion.
Dieser Preis bedeutet mir besonders viel in einem Moment, in dem Debatten um ausbeuterische Arbeitsbedingungen in den Lieferketten globaler Industrien politisch und wirtschaftlich unter Druck geraten und Bemühungen um Partizipation und Nachhaltigkeit es schwerer haben denn je."