Kirsten Behr erhielt einen der beiden 2. Preise für ihre an der Universität Paderborn abgeschlossene Dissertation „Female Disasterscapes: Frauen im Naturkatastrophenroman der französischsprachigen Karibik“.
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Der ADLAF-Preis 2026 wurde am 19. Juni im Rahmen der ADLAF-Tagung 2026 am Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin verliehen. Mit dem Preis würdigt die ADLAF herausragende Dissertationen mit Lateinamerika- und Karibikbezug. Kirsten Behr erhielt einen der beiden 2.Preise für ihre an der Universität Paderborn abgeschlossene Dissertation „Female Disasterscapes: Frauen im Naturkatastrophenroman der französischsprachigen Karibik“. Auf dieser Seite finden Sie die Laudatio auf dieprämierte Arbeit.
Laudatio
(verfasst von Prof. Dr. Jenny Haase und Prof. Dr. Inke Gunia, Gutachterinnen der Dissertation im Rahmen des ADLAF-Preises)
"Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und liebe Kollegen, liebe Frau Behr:
Es ist mir eine Ehre, heute die hervorragende Dissertation von Frau Dr. Kirsten Behr vorzustellen, für die ihr der zweite ADLAF-Preis verliehen wird. Ich spreche hier auch im Namen von Prof. Inke Gunia von der Universität Hamburg, die heute leider nicht persönlich hier sein kann.
(Frau Behr hat das Promotionsverfahren im Oktober 2024 an der Universität Paderborn mit summa cum laude abgeschlossen; sie wurde von PD Dr. Annegret Thiem betreut.) (Die Arbeit trägt den Titel „Female Disasterscapes: Frauen im Naturkatastrophenroman der französischsprachigen Karibik“).
In ihrer Dissertationsschrift untersucht Frau Behr acht zeitgenössische Naturkatastrophenromane aus der frankokaribischen Literatur, die sie mithilfe genauer literaturwissenschaftlicher Analysen und unter Einbeziehung ihrer politischen, historischen, ökonomischen und kulturellen Kontexte analysiert. In ihrer Arbeit entwickelt Kirsten Behr mehrfach innovative Ansätze: So überträgt sie etwa erstmals Ansätze der feministischen Katastrophenforschung auf die Literaturwissenschaft. Dabei nimmt sie zwei Fragen auf, die bisher nicht gestellt wurden: nämlich wie Katastrophen konkret in der Karibik vergeschlechtlicht dargestellt werden und welchen Einfluss solche Darstellungen auf den Umgang mit Katastrophen haben. Frau Behr zeigt dabei, wie die von einer Naturkatastrophe verheerte Landschaft in den Konturen eines versehrten weiblichen Körpers darstellbar gemacht wird und fragt nach den Chancen und Grenzen eines Katastrophenmanagements aus weiblicher Perspektive. Die Dissertation zeichnet sich dabei in besonderer Weise durch ihre theoretische Innovationskraft, ihre methodische Souveränität und ihre weitreichende gesellschaftliche und politische Relevanz aus.
Im Konkreten verbindet Kirsten Behr in ihrer Studie aufmerksame, differenzierte close readings von Handlungsstrukturen, Figurenkonstellationen und rhetorischen Verfahren mit politischen und soziokulturellen intertextuellen und diskursiven Bezügen, die auf einem äußerst anspruchsvollen theoretischen Rahmen aus Literatur- und Kulturwissenschaften beruhen: darunter Gender Studies, dekoloniale Theorie, Ecocriticism, Disaster Studies, Caribbean Studies u.a. Dabei führt Frau Behr diese sehr unterschiedlichen Ansätze auf produktive und originelle Weise zusammen und entwickelt so einen eigenen analytischen Rahmen, um die Bedeutung weiblicher Figuren im Kontext verfestigter kolonialer Erzählungen und europäischer Projektionen auf Naturkatastrophen in der Karibik herauszuarbeiten. Es gelingt Frau Behr in ihrer Studie damit, neue Einsichten in die Verflechtungen von Kolonialität, Geopolitik, Geschlecht und sozioökologischer Krise zu eröffnen, die weit über die Grenzen der lateinamerikanistischen Literaturwissenschaft hinausreichen und zahlreiche Anschlussmöglichkeiten an andere geisteswissenschaftliche Disziplinen wie Philosophie und Ethik, die Natur- und die Sozialwissenschaften bieten.
Frau Behr eröffnet einen differenzierten Gegenentwurf zu den wiederkehrenden Topoi und Klischees in Bezug auf die Karibik, die auch in der Studie kritisch thematisiert werden: einerseits Sonne, Sand und blauer Himmel, andererseits Armut, Entrechtung und elementare Naturgewalten. Die Dissertation macht schließlich ein bislang wenig beachtetes Korpus zeitgenössischer lateinamerikanischer Literatur für ein deutschsprachiges Publikum zugänglich.
Aufgrund all der genannten Qualitäten, insbesondere ihrer hohen wissenschaftlichen Originalität, ihrer intellektuellen Reichweite und der durchgängig kritischen, auch stets selbstreflexiven Perspektive, vergibt die Jury Frau Behr den 2. ADLAF-Preis 2026 für diese ausgezeichnete Dissertationsschrift.
Herzlichen Glückwunsch, Frau Behr! "